Den Mann einkochen

Liebe geht bekanntlich durch den Magen

Und entlang des letzten Wochenendes, nach der Obsternte und dem ganzen Einkochen, stand ich in der Küche und hatte die Idee für diesen Blogartikel… denn ich dachte:

Ich hab ja eigentlich ECHT Glück, dass ich so gerne in der Küche bin… 😉

Denn eine ziemlich spannende Beziehungsfrage lautet:

Wer macht eigentlich was – und warum?

Und ich hatte eben diesen Momente, bei denen ich mir dachte:
Wenn das jemand von außen betrachtet, könnte er glatt meinen, wir hätten die klassischen Geschlechterrollen wieder ausgegraben.

Jakob im Keller.
Beim Handwerken.

Ich in der Küche.
Beim Kochen.

Er mit Werkzeug.
Ich mit Kochlöffel.

Und das Lustige daran?

Ich fand es wunderbar.

Nicht, weil ich glaube, dass Frauen in die Küche und Männer in den Keller gehören.

Sondern weil es gerade für uns gepasst hat.

Und genau da wird es für mich interessant.

Denn vielleicht ist gar nicht die Frage, wer was tut, der entscheidende Punkt.

Vielleicht ist die viel spannendere Frage:

Tue ich es, weil ich es will – oder weil ich glaube, dass ich es muss?

Frau in der Küche – inzwischen fast ein Feindbild?

„Die Frau gehört an den Herd.“

Allein dieser Satz dürfte bei manchen schon Schnappatmung auslösen.

Meine frühere Schwiegeroma meinte sogar, warum ich überhaupt noch fertig studiere, wo ich dann ohnehin ein Leben für die Familie führen werde…

Und ich kann das sogar verstehen.

Denn über Generationen wurde Frauen vieles als selbstverständlich verkauft: kochen, putzen, organisieren, Kinder versorgen, emotionale Arbeit leisten und das möglichst noch mit einem Lächeln.

Dass diese Erwartungshaltung hinterfragt wird, halte ich für ausgesprochen gesund.

Nur:

Ich möchte nicht die Küche abschaffen, nur weil sie einmal als weibliche Pflicht verkauft wurde.

Ich möchte vielmehr die Pflicht abschaffen.

Denn wenn ich gerne koche, warum sollte ich damit aufhören, nur um zu beweisen, dass ich emanzipiert bin?

Wenn mein Partner gerne Dinge repariert, baut oder im Keller herumwerkelt – warum sollte ich ihn daraus befreien wollen, nur damit unsere Aufgabenverteilung möglichst zeitgemäß aussieht?

Und wenn wir beide genau das gerne tun, was wir gerade tun?

Dann ist das für mich keine Rückkehr in alte Rollen.

Dann ist es:

Freiheit.

Der Unterschied liegt im kleinen Wort: „Ich will.“

Das Spannende ist nämlich, dass sich eine Tätigkeit völlig anders anfühlen kann, sobald sie nicht mehr unter dem inneren Etikett „Ich muss“ steht.

Vielleicht kennst Du das selbst.

Etwas, gegen das Du Dich früher mit Händen und Füßen gewehrt hast, machst Du irgendwann freiwillig.

Und plötzlich ist es gar nicht mehr so schlimm.

Vielleicht macht es sogar Spaß.

Nicht unbedingt, weil sich die Tätigkeit verändert hat.

Sondern weil sich Dein Verhältnis zu ihr verändert hat.

Aus

„Das muss ich machen.“

wird

„Ich entscheide mich dafür.“

Und genau hier wird Psychologie ziemlich interessant.

Forschung zur Selbstbestimmung zeigt seit Jahren, dass Wahlmöglichkeiten und das Erleben von Autonomie die intrinsische Motivation stärken können. Eine Meta-Analyse von 41 Studien fand beispielsweise, dass Wahlmöglichkeiten unter bestimmten Bedingungen Motivation, Anstrengung, Leistung und das Erleben eigener Kompetenz fördern. Autonomie bedeutet dabei nicht: „Ich muss alles alleine machen.“

Autonomie bedeutet vielmehr:

Ich erlebe mich als Urheberin bzw. Urheber meines Handelns.

Ich tue etwas, weil ich mich dafür entscheide.

Und nicht, weil jemand anderes mir vorschreibt, wie ich zu sein habe.

Und jetzt sind wir mitten in Beziehungen.

Denn wie viele Dinge tun wir in einer Partnerschaft, weil sie sich für uns nach einem unausgesprochenen

„So gehört sich das eben“

anhören?

Man heiratet.

Man zieht zusammen.

Man bekommt Kinder.

Man fährt gemeinsam auf Urlaub.

Man verbringt Weihnachten bei der Familie.

Man schläft im selben Bett.

Man hat gemeinsame Freundeskreise.

Man teilt sich Haushalt und Finanzen.

Und natürlich:

Die Frau kocht. Der Mann repariert.

Oder eben genau umgekehrt.

Oder inzwischen alles möglichst exakt 50:50.

Auch das kann wunderbar funktionieren.

Nur:

50:50 ist kein Synonym für BeziehungsGLÜCK.

Und eine traditionelle Aufgabenverteilung ist ebenfalls kein Synonym für Ungleichheit.

Entscheidend ist doch viel mehr:

Ist es für uns stimmig?

Haben wir darüber gesprochen?

Darf es sich verändern?

Kann jeder von uns Nein sagen?

Und kann jeder von uns Ja sagen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen?

Denn „Ich will“ ist etwas völlig anderes als „Ich muss“.

Das gilt übrigens auch für mich selbst.

Wenn ich koche, weil ich glaube, dass eine „gute Frau“ eben kocht, dann kann aus dem schönsten Rezept irgendwann Verbitterung werden.

Wenn ich koche, während in meinem Kopf läuft:

„Natürlich macht er wieder nichts …“

dann steht vermutlich nicht nur ein Topf auf dem Herd.

Dann köchelt da etwas ganz anderes mit.

Wenn ich hingegen denke:

„Ich koche gerne. Ich probiere das heute aus. Und ich freue mich, wenn wir nachher gemeinsam essen.“

dann wird aus derselben Tätigkeit etwas völlig anderes.

Nicht automatisch.

Aber möglicherweise.

Und das ist ein wichtiger Unterschied.

Freiheit macht aus Pflichten wieder Möglichkeiten.

Psychologisch kennen wir dieses Phänomen auch als Reaktanz: Wenn wir erleben, dass unsere Freiheit eingeschränkt wird, kann ein innerer Widerstand entstehen.

Plötzlich wollen wir genau das nicht tun, was von uns erwartet wird.

Nicht unbedingt, weil wir es grundsätzlich nicht mögen.

Sondern weil wir uns gegen das Gefühl wehren:

„Du hast keine Wahl.“

Vielleicht erklärt das auch so manchen Streit in Beziehungen.

„Du könntest doch einfach …“

„Das gehört sich doch …“

„In einer Beziehung macht man das eben …“

„Das ist doch Deine Aufgabe …“

„Jeder normale Mensch würde …“

Und schon stehen wir nicht mehr miteinander in Kontakt.

Sondern gegeneinander.

Denn wo ich mich festgelegt fühle, entsteht schnell Widerstand.

Wo ich Wahlmöglichkeiten erlebe, kann dagegen etwas ganz anderes entstehen:

Bereitschaft.

Und dann wäre da noch der Magen.

„Liebe geht durch den Magen“ ist natürlich kein wissenschaftliches Beziehungsgesetz.

Aber dass gemeinsames Essen etwas Verbindendes sein kann, ist durchaus interessant.

In Experimenten von Woolley und Fishbach zeigte sich beispielsweise, dass Menschen, die ähnliche Lebensmittel konsumierten, sich unter bestimmten Bedingungen näher fühlten und sich vertrauensvoller und kooperativer verhielten.

In einer weiteren Studie mit insgesamt 1.476 Personen zeigte sich sogar, dass Menschen, die von einem gemeinsamen Teller aßen, in anschließenden sozialen Aufgaben kooperativer agierten als Menschen, die dasselbe Essen von getrennten Tellern konsumierten.

Das bedeutet natürlich nicht:

„Kocht gemeinsam und Eure Beziehung ist gerettet.“

So einfach ist Liebe dann doch nicht.

Aber gemeinsames Essen kann ein kleines Ritual von Nähe, Gemeinsamkeit und Kooperation sein.

Und vielleicht ist genau das die schönere Bedeutung von:

Liebe geht durch den Magen.

Nicht:
Die Frau muss den Mann bekochen.

Sondern:

Wir nähren etwas miteinander.

Und trotzdem: Hier möchte ich einen wichtigen Punkt nicht unterschlagen.

Denn bei aller Freude an meiner eigenen Küchen-Keller-Konstellation wäre es ziemlich bequem, daraus eine allgemeine Empfehlung abzuleiten.

Die Forschung zur Aufteilung von Hausarbeit zeigt nämlich auch: Nicht allein die sichtbare Anzahl der Aufgaben entscheidet darüber, wie zufrieden Menschen mit ihrer Beziehung sind.

Eine große Rolle spielt die wahrgenommene Fairness.

Und genau hier wird es spannend.

Denn fair muss nicht zwingend bedeuten:

Du machst 50 Prozent und ich mache 50 Prozent.

Fair kann auch heißen:

Wir erleben beide, dass unsere Beiträge gesehen werden.

Dass Verantwortung nicht selbstverständlich bei einer Person landet.

Dass unsichtbare Arbeit mitgedacht wird.

Dass mentale Last nicht einfach unter den Teppich gekehrt wird.

Und dass eine Aufgabenverteilung verhandelbar bleibt.

Neuere Forschung zeigt dabei auch, wie wichtig gerade die oft unsichtbare mentale und emotionale Arbeit in Partnerschaften sein kann.

Es macht also einen Unterschied, ob ich freiwillig sage:

„Ich koche gern, Du kümmerst Dich ums Handwerk.“

Oder ob ich seit Jahren koche, plane, einkaufe, Geburtstage organisiere, an Arzttermine denke, die Kinderkleidung im Kopf habe – und mir dabei anhören darf:

„Sag halt, wenn Du Hilfe brauchst.“

Das eine hat mit einer selbstgewählten Aufgabenteilung zu tun.

Das andere möglicherweise mit einer ziemlich ungesunden Verteilung von Verantwortung.

Deshalb würde ich den Mann sogar gerne einkochen.

Aber bitte:

nur freiwillig.

Und mich selbst übrigens auch.

Denn vielleicht liegt genau darin ein wesentlicher Schlüssel für Beziehung:

Nicht alles über Bord zu werfen, nur weil es irgendwann einmal gesellschaftlich vorgegeben wurde.

Aber auch nicht alles beizubehalten, nur weil es schon immer so war.

Sondern immer wieder hinzuspüren:

Passt das noch zu uns?

Passt das noch zu mir?

Will ich das wirklich?

Oder erfülle ich gerade nur ein Drehbuch, das irgendwann einmal jemand anderes geschrieben hat?

Das gilt für den Haushalt.

Für Sexualität.

Für Familienmodelle.

Für Geld.

Für Nähe und Distanz.

Für Rollen.

Für Erwartungen.

Für das, was eine „gute Partnerin“ oder ein „guter Partner“ angeblich zu sein hat.

Und manchmal auch für die Küche.

Denn vielleicht ist das eigentliche BeziehungsGLÜCK nicht Gleichheit.

Vielleicht ist es Freiheit in Verbindung.

Ich darf ich sein.

Du darfst Du sein.

Wir dürfen unterschiedlich sein.

Wir dürfen uns ergänzen.

Wir dürfen Aufgaben tauschen.

Wir dürfen etwas lieben, das der andere überhaupt nicht mag.

Wir dürfen unsere Meinung ändern.

Wir dürfen wachsen.

Und wir dürfen uns sogar für Dinge entscheiden, die von außen ganz traditionell aussehen.

Solange sie von innen frei gewählt sind.

Ich liebe es, zu kochen.

Alleine.

Mit meinen Liebsten.

Für meine Liebsten.

Und wenn Jakob währenddessen im Keller werkelt, dann ist das für mich kein Beweis dafür, dass wir in alte Rollen zurückfallen.

Es ist ein Beweis dafür, dass wir gerade beide etwas tun, das uns entspricht.

Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von Gleichwertigkeit:

Nicht dass wir dasselbe tun.
Sondern, dass wir beide dasselbe Recht haben, zu entscheiden, was für uns stimmig ist.

Und wenn Du jetzt denkst:

„Na gut, den Mann einkochen … das könnte ich mir auch einmal vorstellen.“

Dann weißt Du ja, wo Du mich findest.

In der Küche. 😉

Oder bei Regina Falkensteiner im SiSuRa, wo auch sie mich im wunderschönen Pielachtal schon ein wenig „eingekocht“ hat. Dort gibt´s u.a. auch Kochkurse – für jene, die noch Nachhilfe brauchen.

Und falls Dich gerade weniger die Küche als Deine Beziehung beschäftigt:

Dann lass uns doch einmal schauen, welche „So gehört sich das“-Sätze bei Dir eigentlich längst nicht mehr stimmen.

Denn manchmal beginnt Veränderung nicht damit, etwas anders zu machen.

Sondern damit, überhaupt wieder zu bemerken:

Ich habe eine Wahl.

Ich freue mich, wenn Du ein genussvolles LiEBEN für Dich wählst und bei Bedarf, auf mich zukommst.

Ich bin da.

ThereSia – Deine LiEBENs- & Beziehungsmentorin bei Paar & Wachstum.